Endlich mal ein Mutmacher
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher und schreibt in der heutigen Frankfurter Rundschau:
Die Inhaltslieferanten
Auf einem Empfang lausche ich Claire Enders, einer klugen Frau, die als Guru der Medien gilt. Ich weiß, sie hat vor Jahren das Zerplatzen der Internetblase vorausgesagt. Sie hat jüngst prophezeit, dass der Rückgang der Werbeaufwendungen all jene Medien herunterziehen würde, die von Inseraten und Spots leben. Dies schmerzt elektronische wie papierne Titel. Und nun sagt die jugendlich wirkende 50-Jährige das Ende der Zeitungen voraus.Nur ganz wenige Titel würden überleben. Mit Zeitungen wird es gehen, sagt Enders, wie mit CDs oder Faxgeräten; sie verschwinden Zug um Zug aus unserem Leben. Es mache wenig Sinn, auf der Titanic die Liegestühle noch mal zu ordnen. Die Oberschlaue spricht in hohem Ton und hat den Anspruch, uns, den Normalsterblichen, den Weg zu weisen. Darf man Intellektuellen wie Claire Enders glauben? Sollte man wie sie vor den modernen Zeiten den Hut ziehen?
Als die sogenannten natürlichen Autoritäten noch als natürlich erlesene Menschen wirkten, zu denen man aufgeschaut hat, da nannte man einen hoch geachteten Frankfurter Poeten Dichterfürst. Heutzutage gelten Intellektuelle aber eigentlich nicht mehr viel.
Einen Dichter nennt die Internetgeneration Content-Provider, Inhaltslieferant. Das klingt wie IT-Techniker oder Windelfüller, aber nicht nach Halbgott. Es gab Zeiten, da waren Leute tatsächlich so schlau, dass man sie “Vorbild der Nation” und “Lehrer Deutschlands” nannte. Das war, bevor wir im Privatfernsehen mit Dieter Bohlen Superstars suchten und als die Schlauen noch Latein sprachen.
Praeceptor Germaniae hieß im badischen Örtchen Bretten ein Intellektueller namens Melanchthon. Da sitzt einer am Ende der Welt, sprich am Rand des Schwarzwalds, und trägt den Titel “Lehrer aller Deutschen”. Melanchthon war ein Gelehrter, dessen Schriften andere Gelehrte mit großer Bewunderung aufnahmen.
Aber das gilt eben nicht mehr. Ein deutscher Dichter unserer Tage, Hans Magnus Enzensberger, ist für einen Satz verantwortlich, der hier näherer Betrachtung bedarf. Er hat gesagt: “Meine Friseuse weiß mehr als Melanchthon.”
Das ist politisch nicht korrekt. Es heißt Friseurmeisterin, da können Sie meine Friseurin Silke fragen, eine selbstbewusste Ostfriesin in Berlin, die für meine Künstlerfrisur verantwortlich ist. Eine tolle Frau, aber niemand würde ihren Berliner Salon zur Schule Deutschlands erklären. Ich gehe gern zu Silke und würde niemals den Laden von Udo Walz betreten.
Unsere Hauptstadt hat ja einen Regierenden Bürgermeister, so heißt in dem kleinen Bundesland Berlin der Ministerpräsident. Berlin hat aber auch einen Regierenden Friseur, der ist so bekannt wie der deutsche Schäferhund, hat diese Zeitung einmal festgestellt.
Für den Erfolgsautor Michael Jürgs (jüngst: “Seichtgebiete”) ist “Udo Walz typisch für die neue Gesellschaftsordnung. Es wird nicht nach Kompetenz ausgesucht, nach Wissen, sondern danach, ob jemand bekannt genug ist, um Menschen vor den Bildschirm zu locken.” Jürgs war früher Chefredakteur des Stern und ist ein Publizist von Autorität. Wütend schreibt er Bücher dagegen an, dass wir “hemmungslos verblöden”.
Wir werden dem nur entgehen, wenn die Zeitungen überleben. Gleich, ob auf Papier oder im Netz. Und sie werden überleben, so sicher, wie ich niemals zum Regierenden Friseur gehen werde. Versprochen!
