Was ist denn “christliche Berichterstattung” eigentlich?

Ingo Marx
Interessant war sie wieder, die Nachwuchsjournalisten-Tagung der Christlichen Medienakademie in Marburg. Ich habe aber doch gemerkt, dass ich bei einer Frage immer wieder stutzig werde. Wovon ist eigentlich eine christliche Berichterstattung geprägt? Und kann sie neutral im Kontext der Berichterstattung einer säkularen Zeitung sein? Das haben wir uns in der Tat gefragt. Selbst Ingo Marx vom ERF meinte, wir sollten “nicht Prediger und Missionar, sondern gut ausgebildete Journalisten” werden, die “Inhalte des Glaubens über diverse Medien transportieren”. Missionieren wir aber nicht, wenn wir christliche Inhalte weitertransportieren? Predigen und Schreiben – Sprache und Schrift haben doch in diesem Fall die gleiche Wirkung.Wichtig, so Marx, sei eine ehrliche Kommunikation , die “real, relevant und lebensverändernd” ist. Was bedeutet das? Wie bin ich real als Christ? Indem ich meinen Glauben bekenne. Muss ich dann um den heißen Brei herumreden? Eigentlich nein, und in christlichen Blättern schon gar nicht. Die Frage ist aber dennoch: Wie berichte ich über Inhalte des Glaubens denn dann? Die Menschenwürde zum Beispiel ist auch im Grundgesetz verankert. Die Freiheit, von der im Grundgesetz die Rede ist, ist eine von der Bedeutung her aber ganz andere als die, wie sie in der Bibel gemeint ist- als Freiheit durch Christus. Würden wir das so in einer “normalen” Lokalzeitung schreiben? Ich glaube nicht.
Wir sollen die christlichen Maßstäbe den journalistischen Grundsätzen unterordnen. Jetzt unterstellen wir mal, dass die christlichen Maßstäbe auch mit Menschenwürde zu tun haben. Unterstellen wir unsere christlichen Werte den journalistischen Grundsätzen, dann rennen wir wie die BILD-Zeitung den Menschen bis in ihr Schlafzimmer hinterher oder fotografieren oder schreiben über sie dann in dem Moment, wenn sie am meisten trauern. Ist Rücksichtslosigkeit wie diese aber ein christliches Attribut? Ich hoffe nicht.Wenn wir nicht wissen, was christliche Maßstäbe im Journalismus sind, wie wissen wir dann, was eine christliche Berichterstattung ausmacht? Schlimmer: Wenn wir hinausgehen sollen hin zu säkularen Medien, dann wissen wir nicht wirklich um die Unterschiede in der Art und Weise der Berichterstattung. Möglicherweise liegt der Schwerpunkt aber auch darin, sich im christlichen Sinne zu verhalten. Wie das genau aussieht? Ich denke zum Besipiel daran, dass es heißt im Sinne des Gebots “Du sollst nicht lügen” ehrlich Fehler zuzugeben, Kollegen unter vier Augen auf ihre aufmerksam zu machen – jemanden nicht wegen des Konkurrenzdrucks verraten. Kopfschmerzen bereitet es mir nur beispielsweise, wenn ich wie neulich einen Film für Neun- bis 12jährige empfehlen muss, der voller Sexszenen steckt. Das entspricht nicht meinem Verantwortungsgefühl. Ich sagte das auch, aber weil wir es “bringen mussten” (weil es alle haben), musste ich es auch schreiben. Auch Fälle im Medienrecht werden oft zugunsten der Meinungsfreiheit entschieden. Selbst die Menschenwürde ist dann antastbar, wenn eine Person eine des öffentlichen Interesses ist. Journalismus ist (leider) oft nicht reine Informationslust, sondern das, was die Menschen begeistert. Muss ich aber deshalb Pamela Anderson in Unterwäsche zeigen, wenn sie mir davor suggeriert hat, dass sie ihre Ruhe möchte? (*Dies ist ein erdachter Fall!*) Schon die Israeliten und auch die frühen Christen wollten die Wahrheit von Gottes Wort nicht hören. Auch heute sperren sich viele Menschen gegen harte Fakten. Ja, auch Moral gehört zum Wirtschaften, beispielsweise. Ist Journalismus und Christentum wirklich ein Gegensatz oder kann ich “nur” verantwortlich handeln und nicht schreiben?

Freitag, 2. Oktober 2009 11:16
Liebe Frau Warzecha,
viele Fragen und kaum eine kurze Antwort möglich. Ich will trotzdem eine versuchen:
Doch, als Christ schreiben Sie – gelegentlich – erkennbar anders:
Sie berichten über den Kinderfilm, vielleicht sogar im Fazit positiv, und schreiben, dass nicht alle Szenen der Zielgruppe angemessen scheinen.
Sie berichten ruhig über Pamela Anderson, weil Sie wissen, dass sie sich extra in Unterwäsche fotografieren lässt, damit über sie berichtet wird. Oder Sie berichten aus genau diesem Grund nicht – um sich nicht instrumentalisieren zu lassen.
Sie müssen in jeder Funktion gelegentlich etwas tun, dass Sie aus eigenem Antrieb nicht täten – wenn Sie es für noch vertretbar halten. So ist es sogar in einer Demokratie: Manchmal haben die anderen die Mehrheit, und das haben wir zu akzeptieren.
Sie weigern sich aber, wenn Ihnen eine Aufgabe übertragen wird, die Sie für sich moralisch nicht für akzeptabel halten – und erhalten unter Umständen Respekt vom CvD für eine eigene Meinung auch gegen Widerstände – oder Sie erhalten eine Kündigung und verwirklichen sich an anderer Stelle besser.
Sie kündigen, wenn Sie öfter Aufgaben tun müssten, die Ihren Wertvorstellungen widersprechen, und suchen sich etwas Ihnen Angemessenes. Falls Sie denken, das sei zu viel verlangt: das haben schon einige gemacht, (ich zähle auch dazu). Rückgrat kostet eben manchmal – aber es bringt auch etwas.
Ich kann jedenfalls die Botschaft nicht mehr hören, das sei der Sachzwang. Gott hat uns mit Verantwortung begabt, und die sollten wir auch nutzen.